Der Öffentliche Jude

Diskussion im Rahmen der Jüdischen Kulturtage 2002 "Berlin – Open"

Es gibt davon nicht nur einen, sondern gleich mehrere „Öffentliche Juden“ in der Bundesrepublik. Esther Schapiro als souveräne Moderatorin, der die Diskussion nicht entgleiten konnte, hatte zu diesem Thema in die Blaue Kugel in Berlin im Rahmen der Jüdischen Kulturtage geladen.

Ihre Gäste waren Michael Wolfssohn, Historiker, Michel Friedman, Journalist und Rechtsanwalt, Daniel Cohn-Bendit, Politiker und Anetta Kahane, Geschäftsführerin der Regionalen Arbeitsstellen für Ausländerfragen (RAA) und Mitglied des Repräsentantenhauses der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Alle vier stehen im Blickfeld der Öffentlichkeit nicht allein aufgrund ihrer exponierten beruflichen und politischen Stellung, sondern auch, weil sie Juden sind. Dieser Konsens war nicht schwer zu erreichen und reichte von „ich bin Jude“ bis „ich werde zum Juden durch die Umwelt gemacht“. Die ganz unterschiedliche Umgangsweise mit dieser Zuordnung durch andere zu einer Gruppe, ist geprägt von Herkunft, religiöser Erziehung und Anbindung in jüdische Zusammenhänge, politischer Sozialisation und der Stellung der eigenen Person im Kontext der Minderheit „Juden“ in Deutschland und Europa anzugehören.

Friedman schiebt scheinbar leicht, das Problem „Jude zu sein“ an diejenigen weiter, die es ihm aufzudrängen versuchen. Nur wenn er als Repräsentant und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland spricht, ist für ihn diese Kategorisierung annehmbar. Wolffsohn, einziger Israeli in dieser Runde, beschreibt seine Ausgrenzung als Jude deutscher Herkunft in Israel und sieht sich selbst als Teil einer Minderheit, die ein Teil innerhalb der Vielfalt aller Menschen. Für Anetta Kahane war der Sprung als Tochter von Sozialisten in der DDR aufgewachsen zu sein zur aktiven Mitgliedschaft in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ein wichtig: Zugehörigkeit und damit Übernahme von Verantwortung. Daniel Cohn-Bendit hingegen sieht sich als Jude nur durch andere definiert. Doch warum er sich aufregt, wenn Antisemitismus überdeutlich und laut formuliert wird, beruht auf einer Identifikation mit Juden auch als Teil der eigenen geschichtlichen verstandenen Zugehörigkeit.

Für ihre eigene Lebensplanung ist nur für Friedman eine Familie mit jüdischen Kindern denkbar. Wolfssohn und Cohn-Bendit sind jeweils mit nicht Jüdinnen verheiratet. Die Umgangsweise mit dieser schwierigen Situation ist ganz unterschiedlich gelöst. Bei Wolfssohn, werden jüdische Bräuche gelebt, weil es in der Tora heißt, dass man diese mit allen, die mit einem leben, auch halten soll. Cohn-Bendit lehnt alles Religiöse ab und bezeichnet sich als Atheist. Anetta Kahane ist Jüdin, aber die Frage nach einer aktiven religiösen Lebensweise wird interessanterweise hier nicht gestellt. Die Frage der beiden Frauen an Cohn-Bendit, dass es sein Sohn aufgrund dieser Situation vielleicht noch schwieriger haben werde, scheint diesem eher absurd.

Öffentlicher Jude sein bedeutet wohl vor allem eines: Mit antisemitischer Post Tag für Tag konfrontiert zu werden. Dass sich die Inhalte der Schreiben sowohl an Friedman wie auch an Cohn-Bendit nach Aussagen beider nicht unterscheiden, überrascht zunächst dann doch. Friedman beschreibt, dass 25 % seiner Zuschriften zu seinen Sendungen, nicht auf Inhalt oder Form seiner Sendungen beziehen, sondern auf darauf, Jude zu sein.

Wolfssohn sieht in der kollektiven Zuordnung eine Normalität, die jeder Minderheit geschieht und sieht darin allein zunächst keinen besonderen Grund einer Empörung. Allen ist natürlich klar, dass sie mit Erscheinen in der Öffentlichkeit auch immer für andere als Repräsentanten von Juden wahrgenommen werden. Aus dieser Wahrnehmung scheint es kein Entrinnen zu geben.

Dem Wunsche Friedmans, nicht mehr über Möllemann zu sprechen, konnte nicht ganz nachgegeben werden. Die unterschiedlichen Reaktionszeiten auf Möllemanns Äußerungen, aber auch die ausbleibende Empörung, der ausbleibende Aufstand der Anständigen, die ausbleibende Solidarisierung, blieb von keinem der Diskussionsteilnehmer unkommentiert. Doch die Folgen sind deutlich und Anetta Kahane führte Zahlen einer Untersuchung an: 33 % der Gesamtbevölkerung sehen es ungern, dass wieder mehr Juden in der Bundesrepublik leben, 20 % halten den Einfluß von Juden hierzulande für zu hoch und 52 % ist der Ansicht, dass Juden Vorteile aus der Vergangenheit ziehen. Das tut weh.

Für Anetta Kahane wurde die Vorfälle in Jenin zum privaten und beruflichen Prüfstein. Sie sah sich plötzlich Positionen von Freunden und langjährigen Mitstreiter in Projekten gegen Rassismus und Antisemitismus ausgeliefert, die bis zur Übernahme von Positionen der Hisbollah reichten. Und an dieser Stelle geschah, was häufig geschieht. Hatte Kahane wenig beachtet, ihren Mitdiskutanten auf die Sichtweise der Stellung von Juden eine illusionäre Sicht vorgeworfen, kam hier der laute Ruf: „Das ist doch bekannt“.

Wenn Friedman im Verlauf des Gespräches unwidersprochen danach immer wieder von einer gefährlichen Verschiebung des Koordinatensystems unserer Warnsysteme sprach, der zunehmenden Hinnahme von Übergriffen, Anwürfen und Drohungen, und damit einhergehend einer schleichenden Haltung, sich damit auch abzufinden – und zwar betont nicht nur was Juden betrifft – griff hier niemand den Faden auf: Wie es kommt, dass sich jeder dieser öffentlichen Juden – und ich denke dass trifft auch für alle nicht-öffentlichen Juden zu – seine Illusionsecke bewahrt und es unmöglich scheint, sich einmal ein Gesamtbild aller desillusionierten Blicke auf die aktuelle Lage zu machen. Diese Chance hat Schapira leider nicht ergriffen.

Im Notfall könnten alle vier nach Israel. Schapira versucht über diesen Weg die individuelle Beziehung zu diesem Staate herzustellen. Kahane und Cohn-Bendit würde sich auf diese Alternative gar nicht einlassen. Sie möchten dann nach New York. Für Wolffsohn und Friedman wäre der Weg nach Israel klar.

Nur Cohn-Bendit scheint diese Frage in ihrem vollen Ernst zu begreifen und spricht von einem Kampf bis in den Tod hinein, denn, sollte Israel der einzige Staat sein, in dem Juden noch überlebten könnten, könnten sie letztlich auch dort nicht überleben. Er sähe dann auch die gesamte Menschheit bedroht.

Für alle vier gäbe es die Option im alleräußersten Notfall nach Israel auszuwandern. Dies war dann die letzte Frage. Für Friedman und Wolfssohn gab es daran keinen Zweifel, dann wäre es Israel. Cohn-Bendit und Kahane zöge es dann eher nach New York. Und hier versuchte Schapira geschickt zu insistieren: Wenn denn auch diese Option nicht mehr offen stünde, was dann. Aber diesen Gedanken griff nur Cohn-Bendit auf konsequent zu Ende zu denken: Dann ist die gesamte Menschheit bedroht und er würde dann bis zum Tode kämpfen. Hier in Europa. Die anderen äußerten sich nicht direkt, zu dieser letzten gedanklichen Konsequenz, wenn nur noch Israel auf dieser großen weiten Welt als letzter Zufluchtsort für Juden bliebe.

Die große Einigkeit zwischen allen bestand in einer Jüdischen Maxime: Persönlicher Einsatz dafür, dass diese Welt für alle Menschen eine bessere werde und jeder darin seine individuelle Chance bekommt.

Sendung aufgenommen vom MedienKontor Film- und Fernsehproduktion, ausgestrahlt auf Phönix.

 

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