Bericht vom 16.7.1945 in Mappe "Chef der deutschen Polizei Stuttgart

Umso entsetzter waren wir, als wir kurz darauf von der Anstalt Winnental die Nachricht erhielten, daß unsere Schwester verlagert worden sei. Daraufhin unternahmen wir energische Schritte bei der Anstaltsdirektion, die uns nichts anderes sagen konnte, als daß die Kranken angeblich nach Hartheim-Niederdonau [...] laut Erlaß des Reichsverteidigungskommissars verlegt worden seien, und müßten wir warten, bis wir Nachricht erhielten.

Nun depeschierten wir sogleich nach Hartheim, daß wir sofort dorthin abreisen würden. Inzwischen kam aber schon eine Depesche aus Hartheim, daß die Kranke an Lungenentzündung verschieden sei, die Urne sei unterwegs. Wie uns aber eine Anstaltsschwester von Winnental erklärte, wurden die Kranken gar nicht verlegt, sondern wurden haufenweise in Omnibussen vollgepfropft betäubt und in Grafeneck a.d. Schwäbischen Alb in großen Öfen verbrannt.

Ich selbst habe mich von dem Schloß Grafeneck persönlich überzeugt und habe versucht, den dortigen Arzt zu sprechen, welcher sich jedoch nicht sehen ließ. Dafür aber wurde ich von der Gendarmerie, mit Hunden bewacht, empfangen, die mir rieten, sogleich vom Tor wegzugehen, andernfalls laufe ich Gefahr, dort bleiben zu müssen.

Bericht vom 16.7.1945 in Mappe "Chef der deutschen Polizei Stuttgart, Akten 1945/1946" aus: Tübinger Grafeneck-Prozeß (Ks/49 StA Tübingen), zit. nach: Ernst Klee, Euthanasie im NS-Staat, Frankfurt/M. 1983, S. 158, Anm. 65